Montag, 23. September 2013

Tutorial: Rock to go

Viel einfacher zu nähen kann ein doppellagiger Rock nicht sein :-)
Heute habe ich gemeinsam mit meiner Kleinsten einen Katalog voller französischer Kindermode durchstöbert. Meine jüngste Tochter ist das, was man sich so landläufig unter einem "richtigen Mädchen" vorstellt - sie liebt Kleider und Röckchen, zarte Spitze und glänzende Schuhe, rosa-bunte Farbzusammenstellungen und Rüschen. Natürlicher Charme ist ihr angeboren, sie klimpert mit den Wimpern, posiert und dreht sich wie eine Ballerina, wickelt sämtliche Verwandtschaft hemmungslos um den Finger und ist alles in allem unwiderstehlich zuckersüß, sogar wenn sie die kleine Hexe in sich entdeckt und z.B. ihrem großen Bruder den Lieblingssessel wegschnappt.
So ist es auch nicht ganz einfach, mit dieser Person einen Katalog voller ganz entzückender Kinderkleidung anzusehen: Während jede Seite bei ihr neue hinreißende Begeisterungsstürme auslöst, gleiten die Euros vor meinem geistigen Auge einer nach dem anderen lautlos aber stetig aus dem Fenster, was zu einem unangenehmen Konflikt im mütterlichen Inneren führt. Auf mein daraus resultierendes: "Fine - ich finde die Sachen ja auch schön, aber das kannst Du nicht alles haben, das ist viel zu teuer!" kam dann spontan und ganz trocken die Lösung: "Und wieso nicht? Du kannst doch nähen, Mami!" Voller Zufriedenheit über ihre geniale Idee saß sie da vor mir: strahlende Kinderaugen, stolz spitzbübisches Lächeln, herausfordernd angehobenes Kinn, kleine warme Hände, die meine halten. Ja, ich hatte verloren. Damit war das Problem für sie gelöst und ich saß da mit Auftrag. Einem Berg von Aufträgen.
Naja, mit einiger Kindererfahrung im Rücken weiß ich ja auch, daß nicht alle Wünsche erfüllt werden müssen, um ein glückliches Kind zu erzeugen und so habe ich dann beschlossen, einfach sofort mit einer bunten Kleinigkeit anzufangen.
Die Röcke in dem Katalog hatten es ihr besonders angetan - mehrlagig und üppig mit weichem Bündchen um den empfindlichen Bauch - eigentlich nicht sehr komplex, aber wirkungsvoll. Schnell gemacht. Also ging es ab ins Nähzimmer, das Maßband und die Tochter geschnappt, ein paar Stoffreste zusammengesucht, gemessen, geschnitten, ein bißchen gerüscht und zusammennäht - fertig. Wenn die Maße bekannt sind und ein erster Proberock genäht, dauert das kaum eine Stunde pro Röckchen und es gibt sicher noch schnellere Näherinnen als mich. Ein bißchen ausführlicher? O.k.!

Für dieses Röckchen habe ich zwei verschiedene Baumwollreste und etwas Bündchenstoff verwendet.
Also welche Maße brauche ich? Das kommt natürlich auf mein Kind an - in zweierlei Hinsicht. Meine Kleine mag es lieber, wenn die Röcke locker auf der Hüfte sitzen. In der Taille stören sie sie. Also messe ich bei ihr den Umfang im Bereich der sogenannten Hüftknochen, also oberhalb des Pos, damit dieser das Ganze noch am Abrutschen hindern kann. Der Bauch sollte entspannt sein bei der Messung, denn glücklicherweise ziehen Kinder selbigen noch nicht ständig ein, sondern lassen ihn sein, wie er eben ist und dafür muß Platz bleiben. Also müßt Ihr zuerst entscheiden, wo der Rock sitzen soll. Dann müßt Ihr dort den Umfang messen. Bei meiner recht zierlichen Fünfjährigen waren das 55cm.
Das zweite wichtige Maß ist die Länge. Ich wollte, daß der Rock oberhalb des Knies endet. Also habe ich von der gedachten Oberkante des Rocks bis knapp über das Knie gemessen. Bei meiner Süßen waren das 35cm.
Jetzt muß ein bißchen gerechnet werden. Noch jemand mit Matheblockade? Keine Sorge - das schaffen wir alle ;-) Die gemessene gewünschte Länge (bei mir 35cm) unterteilt sich in Bündchen und Rockteil, wobei ich mich auf das untere längere Rockteil beziehe. Mein Bündchen hatte eine Endlänge von 7cm , bleiben für den längeren Rockteil 28cm.
 Nun müssen wir beim Bündchen aber beachten, daß es doppelt genommen wird und auf beiden Seiten eine Nahtzugabe braucht - also in meinem Fall 7cm (Länge) x 2 + 2cm NZ = 16cm. Mein Bündchen wird also 16cm lang. Die Breite geht natürlich nach dem gemessenen Umfang. Bei meiner Tochter 55cm an der Hüfte - das übernehme ich aber nicht eins zu eins, denn das Bündchen soll ruhig etwas gedehnt sitzen, damit es den Rock in Position hält. Hier kommt es wieder ein bißchen darauf an, was Euer Kind an Druck auf den Bauch toleriert. Meine zieht alles aus, was auch nur dezent zu kneifen droht. Ich habe das Ausgangsmaß für das Bündchen 50cm breit gewählt und es sitzt noch recht locker, obwohl ja auch hier noch etwa 2cm für die Nahtzugabe verschwinden. Für ein Kind, das den Rock lieber etwas fester am Bauch hat (keine Sorge, bis zum Abschnüren ist es hier noch ein weiter Weg), kann man sicher den gemessenen Umfang um 8 oder 10cm verringern. Mein Bündchenteil hatte aber also die Maße 16 x 50cm.
Zum Rockteil: Er braucht oben eine Nahtzugabe und unten eine für den Saum. Oben wähle ich meine Standartzugabe von 1cm, unten ist es wieder etwas Geschmackssache. Ich mag etwas breitere Säume lieber, also zwischen 3 und 5cm. Ich finde, sie sehen nicht nur edler aus, da man nicht gleich bei jeder leichten Rockschwingung die Stoffrückseite sieht, auch fällt der Rock besser und der Saum klappt nicht so leicht hoch. Zusätzlich mag ich den unteren Abschluß am liebsten, wenn der Stoff doppelt eingeklappt wird, also die offene Stoffkante am Ende versteckt ist. Ich rechne bei dem Saum also für das erste Einklappen 1cm und für das zweite meine Saumbreite - hier 5cm - dazu. Bei einer gewünschten Endlänge von 28cm wäre meine Stoffbahn für den unteren Rockteil also 28cm + 1cm NZ (oben) + 6cm Saum = 35cm lang.
Aber wie breit mache ich das Ganze? Ich habe die doppelte Breite des Bündchens gewählt. Schaut Euch das Bild an und entscheidet selbst, ob Euch das zu viel oder zu wenig Rüsche ist :-) Meine Bahn für den unteren Rockteil war also 100cm breit und 35cm lang.
Der obere Teil des Rockes ist bei diesem Rock 5cm kürzer, die Bahn genauso breit wie die untere. Die Ausgangsmaße waren also 100 x 30cm.
So. Individuelle Maße fertig. Jetzt geht es fix. Schneidet Eure drei Teile zu - ein Bündchenteil, zwei verschieden lange Rockteile. Ich bügele dann als nächstes den Saum der Rockteile um. Zumindest in Zukunft. Das geht nämlich leichter, als erst die Bahn zur Runde zu schließen und dann zu bügeln, wie ich feststellen durfte ;-)

Doppelt umgebügelter Saum - erst ca. 1cm umbügeln, dann die gewünschte und eingerechnete Saumbreite.
 Nach dem doppelten Umbügeln klappe ich den Saum im Randbereich wieder auf und schließe die beiden Rockbahnen zu Runden. Ich habe dazu meine Overlockmaschine benutzt, aber ein Overlock-Stich einer normalen Nähmaschine tut es auch oder ein Geradstich plus Zickzack an der offenen Kante entlang zum Versäubern.

Alle Einzelteile gebügelt und zu Runden geschlossen.
Danach den Saum wieder hochklappen und von rechts mit schlichtem Geradstich in dem doppelt umgeklappten Bereich einmal herumnähen. Nun schließt auch das Bündchen zu einer Runde und klappt es auf die halbe Länge zusammen.

Bündchen umgeklappt auf die Hälfte der Länge und Rockbahnen gesäumt.
 Jetzt rüschen wir die Rockteile. Dazu stellt Ihr bei Eurer Maschine - soweit möglich - den Nähfußdruck herab (dann läßt sich der Stoff etwas leichter auf den Fäden bewegen und der später überflüssige Faden später besser herausziehen) und die Stichlänge so groß wie möglich ein. Bei meiner sind das 6mm. Jedes Rockteil erhält nun zwei Nähte am oberen Rand. Die erste dicht am Rand entlang in der Nahtzugabe, die zweite in einer Nähfüßchenbreite Abstand. Laßt die Anfangsfäden nicht zu kurz stehen, Ihr müßt sie greifen können.
Hier seht Ihr die beiden "Rüschnähte" an den beiden Rockteilen vordem Einrüschen.
 Jetzt nehmt Ihr auf einer Seite Eurer Nähte beide Unterfäden und zieht an ihnen bzw. schiebt den Stoff auf Ihnen zusammen. Ich mache das immer von beiden Seiten, um die doch recht zarten Fäden nicht zu sehr zu belasten, aber es geht auch von einer Seite. Ich knote, wenn ich etwa die Hälfte zusammengerüscht habe, die Unterfäden der ersten Seite zusammen und widme mich dann der zweiten. Ich schiebe den Stoff solange zusammen, bis mein Rockteil in etwa die Bündchenbreite hat. Im Zweifel laßt es lieber ein klein wenig breiter als das Bündchen - ein Extrafältchen läßt sich immer unterbringen (verdammt nochmal - wieso muß ich jetzt an mein Spiegelbild denken?!). Ich verknote auch die Unterfäden der zweiten Seite und verteile dann die Rüschen gleichmäßig. Beim zweiten Rockteil verfahre ich genauso.

Rockteile aufgerüscht.
 Da ich lieber auf der sicheren Seite fahre, nähe ich nun beide Rockteile einmal am oberen Rand mit einem dehnbaren Stich zusammen - der Zickzackstich reicht. Dann kann mir keiner mehr aus der Verbindungsnaht mit dem Bündchen rutschen.

Rockteile mit Zickzackstich verbunden.
 Jetzt kommt das Bündchen an die Reihe. Hier bin ich noch in zwei Schritten vorgegangen, um es anzunähen, ich denke aber, einer tut es auch. Näht beide offenen Kanten des zusammengeklappten Bündchens gleich mit einem dehnbaren Stich (die dehnbaren Stiche sind hier wichtig - sonst nutzt Euch die Dehnbarkeit des Bündchens am Ende gar nichts) an die gerade verbundenen Rockteile. Wer Sorge hat, daß er dabei eine Stoffschicht entgleiten läßt, kann es auch so machen, wie hier gezeigt: Klappt das Bündchen auf und legt es rechts auf rechts um die Rockteile. Verbindet alle drei Schichten mit einem dehnbaren Stich.

Bündchen zunächst mit einer Seite an die Rockteile genäht.
 Klappt dann das Bündchen wieder zusammen und näht auch die zweite offene Kante an die zuvor entstandene Naht. Nun könnt Ihr die Rüschnähte entfernen, die zu sehen sind - meist ist das nur die untere. Schneidet den Unterfaden in größeren Abständen ein und zieht ihn heraus, dann könnt Ihr den jeweiligen Oberfaden quasi abnehmen. Danach könnt Ihr die "allesverbindende Naht" noch nach unten in den Rock klappen und diese - wieder mit einem dehnbaren Stich - von rechts absteppen. Da meine Tochter auch auf abstehende Nähte sehr empfindlich reagiert, ist das bei uns Pflicht, aber ansonsten ist das nicht unbedingt nötig. Für die Optik macht es einen kleinen Unterschied,den Ihr erkennen könnt, wenn Ihr das allererste Foto mit dem allerletzten vergleicht :-)

Fertig!
Sooooo. Noch Fragen? Fragt nur :-) Ich muß jetzt meine Große wieder ins Bett bringen, die schon ein paar Minuten hinter mir steht und fragt, wann ihr Rock fertig wird. Morgen Süße, morgen :-)

Mittwoch, 11. September 2013

Grüne Knie

Das geht doch nicht nur uns so. Das ist bei Kindern doch völlig normal, oder? Ich meine das mit den Knien. Den grünen Knien. Es geht hier keine Waschladung dahin, in der sie nicht zu finden sind, keine Woche, in der bei passablem Wetter nicht neue dazu kommen. Das gehört dazu. Zitronensaft soll helfen, habe ich jetzt gehört - ich werde auch das ausprobieren. Löcher sind da auch. Oft. Alles kein Problem. Eigentlich. Aber die lieben Kleinen werden älter und zunehmend gibt es auch Tage, an denen meine Kinder zumindest die ein oder andere intakte Hose zu schätzen wüßten. So war denn meine Große zu einem Kindergeburtstag eingeladen, bei dem sie sich gerne hübsch angezogen hätte. Sie verschwand, um sich umzuziehen und ward nicht mehr gesehen. Eine Weile später fand ich sie dann auf der Treppe sitzend und diesen von weiblichen Wesen viel zu oft gehörten Satz ausstoßend: "Ich habe überhaupt nichts anzuziehen!". Das ließ mich die Augen rollen und ins Kinderzimmer stapfen - nur um vor Ort festzustellen, daß sie recht hatte. So, meine Herren - das gibt es nämlich auch. Wirklich. Sie hatte buchstäblich ausschließlich irgendwie verunstaltete Hosen und auch die diversen Wäschekörbe mit schmutziger und sauberer Wäsche brachten uns nicht viel weiter. Letzten Endes konnte ich sie davon überzeugen, auf einen Rock auszuweichen, brachte sie zum Geburtstag, blieb aber mit dem Hosenproblem zurück. Sie trug die aktuelle Größe zu diesem Zeitpunkt schon fast zwei Jahre und würde bald wachsen - neue Hosen in derselben Größe im großen Stil einzukaufen wäre einfach Unfug gewesen und so beschloß ich, mich des Bergs morscher Altbeinkleider anzunehmen, um sie mit verschiedenen Tricks aus der Nähkiste aufzuhübschen.

Nur ein kleiner Teil unserer Hosen mit Problem - ein ständig wechselnder Bestand. Das Foto gibt die Verfärbungen nicht annähernd so ausdrucksstark wieder, wie sie in Wirklichkeit sind.
Glücklicherweise mag es meine Tochter es so bunt wie ich und so konnte ich mich einfach ausleben - Hosen zu reparieren kann sogar Spaß machen :-D Aus einer bereits mehrfach geflickten Hose wurde so ein Rock. Die Beine, die nur noch aus mühsam zusammenhaltenden Einzelfäden bestanden, habe ich einfach so hoch abgeschnitten, daß ich den Schritt gerade so mit erwischt habe, dann einen breiteren Streifen Baumwollstoff gerüscht - wie breit ist Geschmackssache, man bedenke nur, daß man auch noch in dem Rock laufen können sollte und daß dazu ab einer gewissen Länge eine gewisse Breite durchaus förderlich ist - schön auszusehen ist schließlich nicht alles - und diesen Streifen habe ich dann schlicht rechts auf rechts an die Restjeans genäht, von rechts abgesteppt (Naht nach oben geklappt), verziert und fertig. Einige andere Hosen habe ich an den äußeren Seitennähten ein ganzes Stück weit aufgetrennt (die Außennähte sind leichter wieder zusammenzunähen), um sie direkt besticken zu können, was die Möglichkeiten zur Hosenverschönerung enorm erweitert und gar nicht viel Zeit kostet. Selbst ohne Stickmaschine kommt man deutlich besser an die Knie heran und kann so viel besser arbeiten.

Bunt geht es hier immer zu. Jetzt haben wir auch die passenden Hosen  :-)
Wieder eine andere Hose habe ich einfach ihrer Originalknie beraubt und neuen Stoff an deren Stelle - leicht gerüscht (1,5fache ursprüngliche Breite) - eingesetzt. Ungerüscht sieht hier aber ebenfalls sehr nett aus. Auch malerisch wurden die Hosen attackiert und Häkelblümchen angenäht - alles, was beim Tragen nicht drückt oder beim Rennen hängenbleibt, ist letzten Endes erlaubt.

Diese Dreiviertelhose war genau einen Tag sauber. Da kann man schonmal geräuschvoll mit den Zähnen knirschen. Nun versprüht sie etwas französischen Charme ;-)
Da all diese "guten Stücke" ohnehin Mülltonnenreife erreicht hatten, mußte ich auch nicht zittern - selbst nicht beim Umsetzen leicht merkwürdiger Ideen - schlimmer konnte es ohnehin nicht mehr werden. Wurde es auch nicht. Meine Tochter hat sich gefreut. Ein oder zwei schlichte Hosen für den Notfall haben wir noch besorgt, aber das hat so eben auch gereicht. In diesem Sinne: Spart Geld, schnappt Euch die alten Dinger und habt Spaß :-)

Dienstag, 25. Juni 2013

(R)evolution


Es gibt keine Neutralität. Wer keine Meinung hat oder keine äußert, bestätigt die an der Macht. Es ist Teil unserer Weiterentwicklung als Menschen, politisch interessiert und wachsam zu sein. Hier und weltweit.
Es ist Zeit. Unser eigener kleiner, zwar recht voller Teller ist trotzdem endlich und wir sollten uns die Zeit nehmen, einmal über seinen Rand hinweg zu gucken, denn die Geschehnisse um uns herum betreffen auch uns.
Es passiert etwas. Überall auf der Welt. Demokratie in Bewegung. Mancherorts geht es aufwärts mit ihr, mancherorts bergab. Es sind nur Beispiele: In der Türkei versuchen die Menschen ihr Recht auf Mitbestimmung einzufordern. So viele, die auf den Straßen weitgehend friedlich demonstrieren. Viele Bilder im Netz, z.B. bei facebook liefern Eindrücke. Lebendige Demokratie, die nach Beachtung schreit. Schau hin Erdogan! Das ist ein großer Teil DEINES Volkes. Sie sprechen zu Dir. Du bist von ihnen angestellt, ihr Land zu führen. In ihrem Sinne. Du bist ein Vertreter des Volkes und kein Alleinherrscher.
Ich hoffe, es wird nicht noch mehr Verletzte, Schwerverletzte oder gar Tote geben. Die Türkei erscheint so nah durch die vielen Menschen türkischer Abstammung um uns herum. Und dort stehen sie auf den Straßen - Männer, Frauen und auch Kinder - mit Blumen in den Händen und ihre eigene Polizei schießt mit Tränengas und Gummigeschossen auf sie. Verstörend. Beängstigend. Und doch können die Demonstranten jetzt kaum zurück - die Ohnmacht, die daraus resultieren würde, wäre schwer zu ertragen. Sie kämpfen für eine bessere Türkei, für ihr Land, für ihre Familien. Sie scheinen mir keine überzogenen Forderungen zu haben. Wieso ist es so schwer, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und ernsthaft über die Möglichkeiten zu sprechen? Ein wahrhaft großer Mensch kann doch dabei nicht sein Gesicht verlieren, Herr Erdogan. Im Gegenteil. Er könnte sogar wachsen im Ansehen seiner Mitbürger. Aber in der Türkei heißt es zur Zeit nur: Wer hat den längeren Atem? Welche ist die nächste Stufe der Eskalation? Je länger Erdogan damit wartet, auf die Demonstranten zuzugehen, desto unwahrscheinlicher werden friedliche Kompromisse. Und es gibt doch keinen anderen Weg. Eine solch große Bewegung läßt sich innerhalb einer Demokratie nicht einfach ersticken. Dazu müßte Erdogan sich schon komplett vom demokratischen Gedankengut verabschieden und schließlich in die Fußstapfen seines von ihm so kritisierten Kollegen Assad treten. Ich hoffe doch sehr, daß diese schreckliche Vision so weit von der Wirklichkeit entfernt liegt, daß sie niemals eintreten wird.
Liebe türkische Bürger, die Ihr Tag für Tag wieder auf die Straßen geht, um Veränderungen herbeizuführen - die Gedanken vieler hier sind bei Euch. Vielleicht hilft Euch die Solidarität ein wenig. Und jeder von uns hier kann z.B. über Twitter ein wenig dazu beitragen, daß die Stimmen vom Taksim-Platz verbreitet werden und so noch unmittelbarer echte Nachrichten eine breite Öffentlichkeit finden. Twitter richtig genutzt ist ein wunderbares Werkzeug.

Vielleicht schaffen es die Menschen in Brasilien hingegen ohne Gewalt und gemeinsam mit ihrer Regierung, Veränderungen herbei zu führen. Ihre Präsidentin hat noch alle Karten in der Hand. Auch die FIFA sollte mithelfen, wo sie kann, und z.B. darauf verzichten, Schulen abzureißen, nur weil sie zu dicht an Fußballstadien stehen oder wenigstens für einen Ersatz dieser wichtigen Einrichtungen sorgen. Wir wollen doch alle unbeschwert Spaß an der WM nächstes Jahr haben - die Brasilianer gemeinsam mit der ganzen Welt - und nicht Großdemonstrationen von zu recht empörten Menschen sehen, die uns klarmachen, daß die Prioritäten grotesk verschoben wurden zugunsten eines Spiels und gegen die Menschen vor Ort.

In den USA werden zur Zeit Persönlichkeitsrechte mit Füßen getreten. Jeder von uns hat genug Spionagefilme gesehen, um nicht vollkommen unvorbereitet von Edward Snowdens Enthüllungen getroffen zu werden. Auch aus eigener Erfahrung weiß ich, daß man sich hierzulande schon seit langem vor Industriespionage vor allem aus Amerika zu schützen versucht. Die USA, genau wie die von ihnen dafür so zurechtgewiesenen Chinesen, die Briten und wahrscheinlich noch sehr viele andere Nationen dieser Welt, sowie vermutlich auch unsere eigene, spionieren sich gegenseitig aus. Und sie gehorchen keinen offiziellen Regeln dabei. Ich denke, das weiß jede Regierung, das vermuten viele Bürger - blöd ist nur, wenn es rauskommt - wenn die Öffentlichkeit nicht mehr wegschauen kann, wenn die Politik gezwungen ist, sich zu rechtfertigen. Solange alles unter dem Deckmantel der Geheimhaltung läuft und alle Oberen voneinander wissen, daß sie diese Themen besser nicht ansprechen, da sie ja selber Dreck am Stecken haben, läuft das System unbehindert weiter. Und wächst. Und nimmt nach und nach aberwitzige Ausmaße an. Orwells 1984 hat mich schon als Kind tief beeindruckt und - gut, es hat sich ein bißchen verzögert - aber nun leben wir schon fast mittendrin.

Doch hin und wieder gibt es glücklicherweise Menschen mit Gewissen unter denen, die für diese Systeme arbeiten, Menschen, die noch Werte und Ideale haben. Menschen wie Bradley Manning oder Edward Snowden. Und es gibt Journalisten wie Glenn Greenwald oder Julian Assange und Zeitungen wie The Guardian oder Organisationen wie Wikileaks, die sich trauen, über solch heikle Themen zu berichten.
Wir brauchen investigativen Journalismus. Wir brauchen Whistleblower. Sie sind unsere einzige Möglichkeit, Informationen über das zu erlangen, was hinter den Kulissen abläuft, unser einziger Weg, die Schattenpolitik noch ein Stück weit zu kontrollieren. Und genau deswegen werden die Snowdens und Mannings so gnadenlos verfolgt. Es paßt der Politik nicht, wenn wir bescheid wissen. Warum? Weil wir mißbilligen würden, was wir erfahren. Weil es sie ihre Macht kosten könnte, solange Wahlen noch Realität sind.

Wenn es wirklich gute Gründe für die Handlungen der Politik im Hintergrund gibt - und das will ich gar nicht in jedem Fall anzweifeln - dann möchten wir sie nun hören. Am besten gleich mit Beweisen dazu. Pure Worte haben ihre Glaubwürdigkeit verloren, dafür sind wir viel zu oft verschaukelt worden. Ich denke, wir wissen nur einen winzigen Bruchteil von dem, was Politik hinter den Kulissen wirklich bedeutet, wer sich mit wem abspricht, welche Deals ausgehandelt werden. Es muß ein schmutziges Geschäft sein, wenn man so dringlich versucht, es vor uns zu verstecken.

Doch noch sind Journalisten in demokratisch geführten Ländern glücklicherweise und zurecht gerade wegen ihrer Kontrollfunktion weitgehend geschützt - an Assanges Beispiel sieht man jedoch, wie man diesen Schutz auch umgehen kann und auch Greenwald wird zunehmend angefeindet - aber dieser Schutz dehnt sich nicht auf die Whistleblower aus. Das so freie Amerika führt zur Zeit einen in seiner eigenen Geschichte beispiellosen Krieg gegen "Internal Threats". Da werden Abteilungsleiter bis hinunter ins Landwirtschaftsministerium u.ä. wenig militärischen Einrichtungen dazu angehalten, ihre Untergebenen, ihre Mitarbeiter auszuspähen, besonders auf solche zu achten, die außergewöhnlichem Stress, wie finanziellen Schwierigkeiten oder Scheidung, ausgesetzt sind, da sie leichter zu Sicherheitsrisiken werden könnten. Na? Manche mögen sich da an alte Zeiten erinnert fühlen oder Lidlmitarbeiter an ihre Chefs. Klasse. Gerade der so "europäisch" wirkende Obama scheint hier gnadenlos - für alle, die des Englischen mächtig sind, hier ein sehr guter Aufsatz zu dem Thema: http://www.mcclatchydc.com/2013/06/20/194513/obamas-crackdown-views-leaks-as.html#.UcmfUjtZYVQ.

Bradley Manning, der mutmaßliche Whistleblower, der wahrscheinlich unter anderem die Aufnahmen, die als "Collateral Murder" bekannt wurden an Wikileaks weiterleitete, saß drei Jahre unter fragwürdigsten Bedingungen in "Untersuchungshaft", um jetzt zu erleben, wie an ihm ein Exempel statuiert werden soll, damit kein zukünftiger potentieller Whistleblower jemals vergißt, was ihm droht.
Die Jagd auf Snowden hat ebenfalls begonnen und die USA legen ihr ganzes politisches Gewicht hinein. Ich bin sonst kein großer Freund der politischen Systeme in Rußland oder China, aber ich kann nicht umhin, eine gewisse diebische Freude zu empfinden, wenn diese Länder Snowden so "unschuldig" in die Freiheit durchrutschen lassen (wie ich hoffe). Man kann sich vorstellen, wie es Wladimir Putin und Xi Jinping diese Tage versüßt. Das gönne ich ihnen aber schon wieder nicht mehr. Ihre Läden laufen auch alles andere als rund, was die Menschenrechte angeht und die "Demokratie" löst sich gerade in Rußland bedauerlicherweise immer weiter auf.

Auch das ganze Vorgehen gegen Julian Assange und Wikileaks ist so durchsichtig unrechtmäßig, daß es einen sprachlos zurückläßt. Jeder, der sich die Mühe macht, sich mit den von verschiedenen Seiten beleuchteten Fakten im Internet vertraut zu machen, wird zumindest in große Zweifel geraten, was das Vorgehen Schwedens und Groß Britanniens in diesem Zusammenhang angeht. Wer einen Twitteraccount hat, findet leicht interessante (und natürlich auch viele uninteressante, da gilt es zu sieben) Quellen, wenn er die entsprechenden Hashtags eingibt.
Meine Meinung? Ehrlich? Es ist eine Farce. Mittlerweile ist klar, daß Amerika eine Grand Jury eingerichtet hat, um mit Wikileaks ins Gericht zu gehen. Sie wollen diese Organisation vernichten. Finanziell haben sie da schon viel "geleistet", indem Spenden, die über amerikanische Unternehmen abgewickelt werden sollten, eingefroren wurden und so Wikileaks Geldquelle fast versiegte (es gibt aber immernoch Möglichkeiten zu spenden - erst kürzlich hat ein Gerichtsurteil in Island dafür gesorgt, daß die dortige Tochterfirma von Visa nun doch Spenden weiterleiten muß, hier finden sich aktuelle Informationen http://shop.wikileaks.org/donate).
Und die USA wollen Assange. Unbedingt. Er muß vor aller Welt bestraft werden. Ecuador ist ein mutiges Land, denn es hat sich einen großen Feind geschaffen, als es Julian Assange Asyl gewährte und es wird die Sachlage nicht verbessern, wenn nun auch noch Snowden Unterschlupf gewährt wird. Sicher ist Ecuadors Haltung auch wieder irgendwo politisch motiviert und nicht nur menschenfreundlich. Alle südamerikanischen Staaten haben sich gemeinsam mit Ecuador gegen die Vorherrschaft der USA aufgelehnt, indem sie sich hinter Ecuador stellten und damit einen Schritt aus dem Schatten des großen Bruders getan (Orwell läßt grüßen (-:). Aber was auch immer Ecuadors Politiker antreibt - ich hoffe, sie bleiben standhaft und gewähren auch Snowden Asyl. Ich hoffe Snowden wird seinen Weg leichter als Assange finden (der nun mittlerweile seit einem Jahr in der Ecuadorianischen Botschaft in London festsitzt, ohne zwischendurch Zugang zu freiem Himmel über seinem Kopf zu bekommen) und irgendwann wieder ein sicheres und schönes Leben führen können, wie er es auf Hawai hatte - vielleicht ein besseres, hinter dem er gänzlich stehen kann. Ziemlich sicher ist wohl, daß er nicht mehr in seine Heimat zurückkehren kann - sollte nicht noch irgendein Wunder geschehen. Er hat viel aufgegeben für uns.

Und darum ist es jetzt Zeit aufmerksam zu sein, zuzuhören, nachzudenken, Zeit für zivilen Ungehorsam, Zeit Laut zu geben, sich einzubringen, Zeit sich mit anderen denkenden Menschen zu verbinden und aus der Vielfalt der Meinungen und Ideen gemeinsam etwas Gutes zu schaffen. Die Politik bewegt sich nur, wenn wir als Volk es wollen UND wenn wir unseren Wünschen in Worten und Taten Ausdruck verleihen. Worte sind mächtig und noch ist das Internet relativ frei und unzensiert. Wir brauchen viele wache Köpfe, die Propaganda von Information zu unterscheiden bereit sind und etwas Einsatz - das geht schon im Internet, auf der Straße, beim Kaffeetrinken mit Freunden, am Stammtisch. In einer Demokratie regiert eigentlich das Volk. Viele von uns gehen aber leider einfach nur wählen. Oder auch nicht, falls es regnet. Und dann ist es für eine ganze Menge von uns auch gut und sie gehen wieder shoppen oder vor den Fernseher. NEIN! Lest, was geschrieben wird, holt Euch möglichst Informationen aus erster Hand, wenn Euch etwas interessiert, verschafft Euch Wissen und bildet Euch eine Meinung. Redet mit. Sonst verkommen unsere Demokratien bald zu heimlichen Diktaturen.

Auch die Gorgies machen mit. Jede Stimme zählt.

Montag, 17. Juni 2013

Miss Gorgy reist nach Kanada

Darf ich vorstellen? Das hier ist Miss Gorgy. Sie hatte dankenswerter Weise gerade noch Zeit für zwei Fotos, bevor sie uns in Richtung Kanada verläßt. 

Miss Gorgy - ein strahlendes Lächeln und ein kleines Geheimnis...
Mit Miss Gorgy bewegen sich die Gorgies in eine neue Dimension, denn Miss Gorgy hat eine Besonderheit: Außer, dass sie sich in etwas edlerem Design aus sandfarbenem Jeans und Stenzostoffen präsentiert, ist sie - wie alle weiblichen Wesen - vielschichtig. Wo hingegen ihren größeren Brüdern ein Bauch zum Füllen genügt, besitzt Miss Gorgy eine zusätzliche zweite Tasche am Rücken.

Trotzdem weiter In The Hoop - Miss Gorgy und ihre zusätzliche Handytasche.
In diese passen hervorragend IPhones oder Samsung Galaxys S1 bis S4 und - da sicherlich nicht nur ich eine persönliche Neigung zum Musikhören habe - auch mit angeschlossenem Kopfhörer. Da Miss Gorgy dezent gepolstert ist (das wird sie nicht gerne hören, aber es entspricht schlicht der Wahrheit), bietet sie den empfindlichen Smartphones einen gewissen Schutz vor Stürzen oder unübersichtlichen Riesenhandtaschen voller kratzig-harter Gegenstände wie Schlüsseln oder Nagelfeilen. Ansonsten nimmt Miss Gorgy gerne Kleingeld, Kreditkarten oder auch mal einen Lippenstift zu sich, womit sie eine sehr praktische Begleiterin bei Kurzausflügen in Stadt oder Supermarkt darstellt.
Es bleibt zu erwähnen, dass sich auch männliche Wesen dieser Linie in der Entwicklung befinden, aber die sind eben leider ein ganz kleines bißchen langsamer ;-)

Samstag, 15. Juni 2013

Greenpanda

So sieht für mich ein schöner Bloggermorgen aus - 6.30h, Sonnenschein, eine Tasse heißer Tee und mein Lifebook -  gefüttert mit "grünem" Strom - bei uns kommt er von Naturstrom :-)

Heute möchte ich Euch eine gute Seite vorstellen, auf der andere den Recyclinggedanken aufgenommen und umgesetzt haben. Fast alle von Euch dürften einen Computer haben - sonst wärt Ihr kaum hier - bei Greenpanda werden refurbished Businesscomputer angeboten. Was heißt das? Das Team von Greenpanda recycled Computer aus abgelaufenen Leasingverträgen. Diese für Firmen hergestellten Computer zeichnen sich durch große Zuverlässigkeit, Laufruhe und Langlebigkeit aus (aha, sie können es also doch). Bei Greenpanda werden sie wieder in Schuß gebracht, mit lizensierter Software und Garantie versehen und so dann wieder verkauft. Ich habe seit einiger Zeit ein Lifebook, das ich dort erworben habe, und es ist mit Abstand das beste Notebook, was ich je hatte. Es ist leise, robust und hat mich noch nie im Stich gelassen. Zugegeben - es wirkt ein ganz klein wenig abgegriffen - aber wem das zu viel ist, kann auf Ecosia, der grünen Suchmaschine (Google, da mußt Du jetzt durch) "Notebook skin" eingeben und z.B. bei skin123 einen exakt passenden Aufkleber für alle sehr sichtbaren Seiten seines neuen Schätzchens erwerben. Das ist dann zwar etwas weniger grün, aber wenn es hilft, den ein oder anderen auf die Idee zu bringen, sich besser etwas langlebiges Gebrauchtes zu kaufen anstelle der neusten Wegwerftechnologie, dann ist viel mehr gewonnen, als der Aufkleber kostet. Die Herstellung und v.a. auch die Verschrottung von Computern entwickelt sich tatsächlich immer mehr zum globalen Problem, von dem wir hier mal wieder nur Randnotizen mitbekommen. Hier geht es zum shop http://www.greenpanda.de/, wo Ihr unter http://www.greenpanda.de/warum-green/ auch noch genauer nachlesen könnt, warum man diesen Shop als "grün" bezeichnen darf.

Freitag, 14. Juni 2013

Ich will aussteigen!!!!!!


"Kauft, Leute, kauft! Es gibt so viele schöne Dinge, die J E D E R VON UNS
U N B E D I N G T HABEN M U S S!!! " schreit die Werbung uns ins Gesicht. Tag für Tag, überall. Ob nun im Fernsehen oder in der Tageszeitung, im Radio oder in der Zeitschrift, die wir beim Friseur oder Arzt durchblättern, an jeder Straßenecke, Bus- oder Bahnhaltestelle, im Supermarkt und intensiv in all den netten "kostenlosen" Apps für unsere immer unentbehrlicher werdenden Smartphones - wir leben in einer mit Werbung zugepflasterten Welt. Stellt Euch mal vor, wieviel schöner unsere Umgebung aussehen könnte, wenn statt der Werbung Bilder an die Bushaltestellen gemalt würden, Mosaike geklebt oder Blumen gepflanzt. Aber nein - Werbung.


Warum? Na klar - wir sollen konsumieren. Um das zu erreichen, spielt man mit unseren angeborenen Bedürfnissen, unseren Sehnsüchten: Jeder möchte attraktiv sein und gesund, bequem und sicher leben. So gaukelt uns die Werbung eine schöne, gepflegt farbenfrohe Welt mit lächelnd-coolen, aber meist recht steril wirkenden "Schönheiten" vor, die alles zu haben scheinen, wovon man nur träumen kann. Und sie sprechen zu uns: "Ihr könntet auch so leben - geht nur diesen einen Schritt, kauft unser Produkt!". Natürlich durchschauen wir das... bis zu einem gewissen Grad... Und doch passiert es vielen von uns immer wieder, daß wir in diesen Strudel der suggerierten Wünsche geraten, uns getrieben fühlen, Dinge zu kaufen, zu tun, die mit unseren verständlichen und natürlichen Grundbedürfnissen schon lange nichts mehr zu tun haben.

Ich weiche Werbung mittlerweile aus, so gut ich kann. Sie geht mir auf die Nerven. Ich kann es nicht leiden, manipuliert zu werden und Werbung ist einzig und allein dazu angelegt, uns zu manipulieren. Das ist ihr ganzer Sinn und Zweck. Ich soll mein Geld ausgeben. Ich soll verbrauchen. Vielleicht soll ich damit auch so beschäftigt sein, daß ich kaum noch zum Nachdenken komme, keine Fragen stelle, nicht kritisch bin - ich gehe brav arbeiten, damit ich mir alle meine Wünsche auch erfüllen kann und in meiner Freizeit gehe ich dann shoppen. So bin ich ein wirklich angenehmer Bürger meines Landes und störe auch nicht weiter.

Unser Konsumverhalten hat aber Folgen. Es mag zwar hiesigen Wirtschaftsbossen die Freudentränen in die Augen treiben, aber die globalen Auswirkungen sind durchaus nicht positiv. Abgesehen davon, daß wir unsere Ressourcen verbrauchen, bluten andere für unseren Luxus und das ist z.T. durchaus wörtlich zu nehmen, wie man gerade in Bangladesch gesehen hat. Wir tragen die Verantwortung dafür, wir, die Konsumenten. Gerade wir, die wir in Demokratie, Frieden und Wohlstand leben, sollten uns dessen bewußt werden, aufhören, immer noch mehr zu wollen und unser Verhalten überprüfen. Man kann im ganz Kleinen damit anfangen, etwas zu ändern - das muß nicht einmal sonderlich unbequem sein. Kleine Taten, die man tut, sind besser als große, die in der Planung stecken bleiben. Ich denke, jeder von uns hat ein paar Ideen, wo er/sie etwas verbessern könnte. Laßt Euch nicht vom "Großen Ganzen" frustrieren. Wir sind so viele - wenn jeder ein paar kleine Dinge verändert, macht das in der Masse eine ganze Menge aus. Interessierten möchte ich diese Seite hier sehr ans Herz legen: http://www.storyofstuff.org/ und hier zum Einstieg ganz besonders den Film "The story of stuff". Auf youtube ist der Film auch ins Deutsche übersetzt worden. Es ist erstaunlich und erschütternd, wenn man beginnt die globalen Zusammenhänge wirklich zu begreifen.

O.k. - also ändern wir etwas und fangen bei uns selber an - auch wenn uns unsere Schritte zunächst sehr klein erscheinen mögen. In diesem Zusammenhang ist auch mein neuer Entwurf zu sehen, bei dem es sich einmal mehr um Recycling dreht oder - wie ich jetzt gelernt habe - um Upcycling (finde ich fast noch treffender, denn die Dinge erfahren - zumindest für mich persönlich - eine Wertsteigerung, da neben den positiven Effekten, die das Weiterverwerten auf meine Umwelt hat, nun auch mein Design, meine Persönlichkeit in ihnen steckt).

Unter was für grausigen Bedingungen unsere Jeans v.a. in China hergestellt werden, sollte sich herumgesprochen haben. Leider ist das auch nicht wirklich abhängig vom Preis der Jeans - auch teure Hosen werden in diesen menschenunwürdigen, lebensfeindlichen Fabriken produziert. Was also tun, wenn ich nicht oder nur mit relativ großem Rechercheaufwand erkennen kann, ob ich verantwortungsvoll einkaufe oder nicht? Ganz klar: Weniger ist mehr - also weniger kaufen und das, was wir bereits haben länger nutzen. Spart Euer Geld lieber für eine vernünftige Nähmaschine und dann schöpft aus dem was Ihr alle habt - altes Zeug und Phantasie. Mit ein bißchen Training ist das durchaus keine Notlösung. Dann macht IHR Eure eigenen coolen Designs, bestimmt IHR die neuen Trends und lauft keinem mehr hinterher. Nebenbei tut Ihr auch noch etwas Gutes. Und Geld spart das Nähen so außerdem. Es ist erstaunlich, wie schnell die eigenen Regale überquellen, wenn man einmal in der nächsten Bekanntschaft äußert, daß man sich für abgelegte Kleidung interessiert.

Hosenbein einmal anders - die aufgenähte Tasche habe ich dem Hinterteil  entwendet, der Träger stammt aus dem anderen Bein. Knopfreste von anderen Projekten und alten Blusen, ein Kamsnap, etwas Gurtband, zwei Karabinerhaken und 2 D-Ringe - meine neue Tasche :-)
Extrafeature: Mit Hilfe der am Hosenbund  abgetrennten und hier wieder angebrachten Gürtelschlaufen sieht das Ganze nicht nur witziger aus, sondern läßt sich auch als Gürteltasche verwenden. Den Träger kann ich zu diesem Zweck abnehmen. Die Fransen sind noch ganz neu - einmal in der Waschmaschine oder länger im Gebrauch werden sie noch franseliger.
Für diese Tasche habe ich eine Hose meines älteren Sohnes zerschnitten. Ich hatte sie für den Kleinen (Altersabstand 8,5 Jahre) aufgehoben, dann aber festgestellt, daß sich die Mode mittlerweile geschickterweise so geändert hat, daß ich es ihm kaum zumuten konnte, mit dieser Hose in der Schule aufzutauchen. Ja, man manipuliert uns schon geschickt. Allerdings hatte ich schon länger nach einer Tasche für mein unmöglich großes Handy gesucht, damit ich beim Staubsaugen Musik hören kann. Ja, ich höre beim Staubsaugen Musik. Ich finde Staubsaugen totlangweilig und sehr lästig. Leider ist es bei einem Haushalt mit vier Kindern, die jeden Tag des öfteren rein- und rausflitzen ziemlich eindeutig unvermeidbar, also versuche ich die Zeit, die ich mit Mr.Dyson verbringen muß (ja, auch hier ist da jemand der Werbung auf den Leim gegangen), sinnvoll zu nutzen. So höre ich dann Musik und... singe. Ist bestimmt lustig für andere, aber das ist mir egal - mir macht es Spaß :-) und das ist etwas, was ich vom Staubsaugen nie erwartet hätte. Am praktischsten erschien mir dafür eine Gürteltasche, damit ich beide Hände frei habe und der Träger sich nicht mit dem Kopfhörerkabel verheddern kann. Nach ein bißchen Basteln und Probieren fand die Hose dann ihre neue Bestimmung und wurde zu dieser - sogar gefütterten - Tasche. So mutierte sie vom Dachbodenbewohner zum täglich genutzten Lieblingsstück, denn sie gefiel mir dann so gut, daß ich doch noch einen abnehmbaren Träger dazubaute, um sie auch sonst zum Einsatz bringen zu können.

(-: Viel schöner als jede Werbung :-)

Sonntag, 9. Juni 2013

Gorgies

So. Es ist Zeit für ein paar frische Biester. 

Sie wollen hinaus, Abenteuer erleben! Unser Haus ist ihnen bereits zu eng geworden und so schwärmen sie aus, fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen...
Eigentlich bin ich gerade dabei, eine Nachtgespenster-Serie für Stickmaschinen zu entwerfen und zu digitalisieren, was mit aller Feinarbeit und dem Probesticken der Entwürfe gewaltig viel Arbeit bedeutet und meine relativ begrenzte Zeit für diese Dinge komplett verschluckt, aber wie das so ist, ist das Leben bunt, ein bißchen chaotisch (hier bei uns auch öfter ein bißchen mehr) und vieles verläuft trotz bester Planung (...ähem...) anders. So jedenfalls schossen mir völlig unerwartet die hier durch den Kopf.

"Taaaaaaag."
"Haaaaaalloooooo!"
Meine große Tochter hatte den Anstoß geliefert, da sie ihren Freunden an ihrem Geburtstag "etwas Cooles" mit nach Hause geben wollte und nicht "so blödes Krams, das gleich wieder kaputt geht". Diese Ansage muß ich wohl irgendwie noch im Hinterhirn bearbeitet haben, denn beim wohlverdienten "Tatort" nach acht Stunden völlig unchristlicher Sonntagsarbeit (Heiden wie ich haben da keine Entschuldigung), den ich mit müde-roten Computeraugen und einer großen Portion Eiscreme versuchte in mich aufzunehmen, hatte ich plötzlich eine dieser Ideen, die nicht nach Feierabend fragen und keinen Aufschub dulden. Glücklicherweise habe ich Block, Bleistifte, Radiergummi und Lineal meist irgendwo griffbereit und so schmolz zwar das Eis zu klebrig-süßer Soße, die Komissare arbeiteten muffelig und ihrer Zuschauerin beraubt daran, den Täter ohne mich zu fangen (was ihnen selbstverständlich mühelos gelang), aber dafür ist in dieser Nacht ER entstanden: Der erste Gorgy.

Ja, das ist er, Nr.1. Mittlerweile haben seinesgleichen den Haushalt weitestgehend übernommen und sind an jeder Ecke zu finden.
Gorgies haben sich als grundsätzlich freundliche Wesen entpuppt. Sie sind neugierig und offen, allerdings unentwegt hungrig und nicht sehr spezifisch bei der Auswahl ihrer Nahrung. Es ist eben immer so, daß der Charakter des Erschaffers irgendwo auf seine Geschöpfe abfärbt. Es gilt daher: Ein wenig Vorsicht kann nicht schaden beim Umgang mit ihnen... also, den Geschöpfen natürlich ;-)

Hier wurde dieser Grundsatz vernachlässigt. Glücklicherweise ist eine Gorgy-Attacke nicht sehr schmerzhaft. Es kitzelt eher und kann auf Dauer etwas lästig werden... 
Keine Sorge - ich habe sie sofort nach dem Foto getrennt und niemand ist wirklich zu bleibendem Schaden gekommen.
Sie verschlucken z.B. aber auch gerne Süßigkeiten, ebenso wie Buskarten oder Bares, ein paar Radiergummis, kleinere Stifte und einen Anspitzer. Auch Telefone sollen in ihrer Gegenwart schon verschwunden sein.

"Ey! Das ist echt voll gemein!!!"
Glücklicherweise kann man die kleinen Biester aufhängen, was sie aufgrund ihrer zu kurzen Arme und Beine recht hilflos macht und so dem Vertilgen verschiedenster kleinerer Gegenstände ein - wenn auch zwanghaftes und wahrscheinlich vorübergehendes - Ende setzt. So sind sie dann auch recht praktisch einsetzbar - z.B. (mit variierter Aufhängevorrichtung) als Brustbeutel für Kinder, mit denen sie ausgesprochen gerne Freundschaft schließen und dann zu großer Treue neigen.

"Ich hab´ Dich soooooooooo liiiiiiiieb!!!"
Eine etwas kleinere Gürteltaschenvariante ist in Planung, sowie spezielle Handygorgies. Die Dateien der großen Brüder und Schwestern befinden sich bereits in der letzten Überarbeitungsphase und werden sicher bald für andere stolze Stickmaschinenbesitzer/innen zu haben sein, um viele nette Gorgies ITH zu produzieren. Dann kann ich mich auch endlich wieder meinen Gespenstern widmen :0)

Nr.1 und seine Crew bereit zu neuen Taten. Inzwischen haben sie sich bereits auf umliegende Ortschaften verteilt und ich bin gespannt, wie weit sie es wohl noch schaffen werden...